11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

1.  

„Cappuccino wie immer?“

Besuche in Ihrem Lieblingscafé. - Halten Sie Ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.  

 
Jessica Werner 
Copernicus- Gymnasium Philippsburg 

 

Januar

 

Kalt. Sehr kalt sogar. Wie immer bin ich erleichtert, als ich die schwere, alte Holztür, die zu meinem Lieblingscafe führt, aufstoße. Die Klinke ist aus Metall, das früher einmal glänzte, jetzt aber ermattet ist. Wie immer riecht die Tür nach sehr altem Holz.  Das muss sie auch, denn es ist alles wie immer. Wie immer lässt sie sich schwer öffnen, sie klemmt nämlich ein bisschen. Wie immer quietscht sie; wie immer drehen sich die Köpfe der anderen Besucher nach mir um. Alles wie immer. Ich bin das schon gewohnt, schließlich komme ich schon seit Jahren hierher. Wie immer durchquere ich das gesamte Cafe, laufe über den knarrenden Boden, der aus dem gleichen Holz wie die Eingangstür besteht, und steige die enge Wendeltreppe hinauf. Wie immer quietscht auch sie; schließlich ist sie aus dem gleichen, altriechenden, dunklen Holz wie die Tür und der Boden. Wie immer zähle ich die Stufen. Es sind wie immer 17. Wie sollte es auch anders sein? Es ist ja nur eine Treppe. Wie immer halte ich mich an dem Geländer der Treppe fest, das ebenso matt wie die Türklinke ist. Kein Wunder, es ist ja auch das gleiche Metall. Als ich oben angelangt bin, bleibe ich wie immer kurz stehen, um mich dann an meinem Tisch niederzulassen. Wie immer ist er frei; wie sollte es auch anders sein?  Er war es immer und ich bin dieses Ritual auch gewohnt. Wie immer, zumindest im Winter, ziehe ich meinen langen, schwarzen Mantel aus und hänge ihn, ebenfalls wie immer, an die hölzerne Garderobe, die, wie die klemmende Tür, der knarrende Boden und die quietschende Wendeltreppe aus dunklem Holz gefertigt ist. Weil es ein Ritual ist, hänge ich meinen Mantel wie immer an den siebten Haken von links und gehe an meinen Tisch zurück....

 

Es ist doch ein Ritual. Wie immer weiß ich, dass an meinem Nachbartisch ein junges Pärchen sitzt, das sich streiten und küssen und küssen und streiten wird. Es ist nicht immer das gleiche Pärchen, sondern wie immer ein anderes, aber ist das nicht egal? Ich bin das gewohnt, solange nur das Ritual das gleiche bleibt: ein streitendes und küssendes und küssendes und streitendes junges Pärchen, das an meinem Nachbartisch sitzt. Der Tisch neben mir ist wie immer ein kleiner Tisch, der keine vier Beine hat, sondern nur eines, das sich unten in vier ausbreitet und aus matten, früher glänzendem Metall gearbeitet wurde, ebenso wie die Türklinke der Eingangstür und die Garderobenhaken. ... Die Frau wird auf dem großen, roten Sessel mit den Beinen aus demselben Holz wie die klemmende Eingangstür, der knarrende Boden, die quietschende Wendeltreppe und der alten Garderobe, sitzen...

 

Der Mann wird auf dem grünen Sessel sitzen, ich weiß nicht, warum, aber es ist immer so gewesen und es ist gut so. Aber der Mann wird sich nicht einfach so von den Polstern verschlingen lassen, wie die Frau es immer tut ...

 

schließlich bin ich das gewohnt, es ist doch ein Ritual: die Frau, die in den Polstern des roten Sessels versunken ist, so wie ich in dem meinen, gelben. Der rote Sessel mit den vier dunklen Holzbeinen, aus demselben Holz wie die klemmende Eingangstür, der knarrende Boden, die quietschende Wendeltreppe und die alte Garderobe, der rote Sessel mit den vier dunklen Holzbeinen, an denen sich unten vier ermattete Metallplättchen befinden; aus dem gleichen Metall wie die Klinke der Eingangstür, das Geländer der Wendeltreppe, die Garderobenhaken und das eine Tischbein zwischen den beiden Sesseln, das Tischbein, das sich, - wie auch sonst? - unten in vier ausbreitet. Dem roten Sessel gegenüber steht der grüne, in dem der Mann sitzt, wie immer noch rot im Gesicht von der Anstrengung, den schweren grünen Sessel mit beiden Beinen ein Stück vorzuschieben, um nicht - zumindest nicht gleich - von den Polstern verschlungen zu werden. Ich höre die Stimmen der Frau und des Mannes. Alles wie immer.

 

... Inzwischen kommt, wie immer an dieser Stelle, die Bedienung auf mich zu. Sie trägt ein dunkles Holztablett vor sich her, das aus dem gleichen Holz hergestellt wurde wie die klemmende Eingangstür... Wie immer liegen auf dem hölzernen Tablett ein kleiner weißer Block, so weiß wie die Porzellanoberfläche des Nachbartisches und die des meinen, und ein metallener Kugelschreiber, der ebenso ermattet ist wie die Türklinke der Eingangstür, das Geländer der Wendeltreppe... Wie immer ist die Bedienung ganz in Schwarz gekleidet, das gleiche Schwarz, das auch mein Mantel hat, der jetzt an einem Metallhaken an der hölzernen, alten Garderobe hängt. Wie immer lächelt sie, während sie das dunkle, hölzerne Tablett so am Rand meines Tisches abstellt, dass es eigentlich herunterfallen müsste. Doch das tut es nicht. Ist doch alles ein Ritual. Sie lächelt weiter - wie immer - , während sie den kleinen, weißen Notizblock zur Hand nimmt und den ermatteten Metallkugelschreiber schreibbereit in der anderen Hand hält. Sie macht alles gut und richtig, wie immer, weil es ein Ritual ist. Wie immer blickt sie mich mit ihren Augen, die beinahe die gleiche Farbe wie ihr ermatteter Metallkugelschreiber haben, an. Sie fragt mich, während sie sich mit ihrer kleinen, weißen Hand, die ihrem Notizblock ähnelt, und die den Metallkugelschreiber hält, durch das dunkle Haar fährt ... "Cappuccino wie immer?" Weil ich Metall auf Holz mag, lächle ich. Es ist doch ein Ritual und deshalb ist es richtig, zum vierten Mal diesen Monat.

Februar

 

Wie immer kommt die Bedienung mit den metallenen Augen und dem holzfarbenen Haar zu mir her, lächelt und fragt: "Cappuccino wie immer?" Ich lächle und nicke, wie immer. Es ist ein Ritual"...

 

März

 

„Mit extra viel Milch und Zucker- wie immer!“ Ich lächle, weil ich Metall auf Holz mag, und nicke...

 

April

 

„Cappuccino - wie immer?“ Die Metall-Augen und Dunkles-Holz-Haar-Bedienung lächelt. Ich lächle zurück, weil ich Metall af Holz mag, hole tief Luft und höre mich wie durch Watte sagen: „Nein, eine Cola, bitte!“ Beizeiten muss man seine Gewohnheiten ändern. (Werner)

 

 

Georg Eisler, im Café. Radierung von G. Eisler

 

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