11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

Thema 3

Was tun mit unerwartet verfügbarer Zeit?

Verfassen Sie eine Reportage über den Umgang von Menschen mit ihrer Zeit.

 
Doreen Fiedler 
Monfort-Gymnasium Tettnang

 

Die Scheibe ist kalt, und mein Atem legt einen weißen Schleier darüber, der sich langsam wieder auflöst und nach irgendwohin verschwindet. Warum, wieso? Keine Ahnung, das interessiert doch heute niemanden mehr. Ausatmen – wieder scheint die Welt etwas trüber.

Draußen sieht alles so grau aus, so wie es immer aussieht, für mich auszusehen scheint. Die Häuser, so ohne Persönlichkeit, genauso wie die Menschen, die in den engen Gassen dichtgedrängt umherrennen. Sie sind alle gleich, eine einzige Masse, die sich über den Fußgängerüberweg schiebt. Der Wind trägt ein paar Blätter am Taxi vorbei, in kleinen Spiralen wirbeln sie freudig auf und fallen dann doch wieder leblos zu Boden, tot. (...)

„Es wäre wirklich nett, wenn Sie endlich mal ein bisschen schneller fahren würden.“ ... Bis gerade eben saß ich noch in einer wichtigen Besprechung und nun fließt meine Zeit dahin, während ich in einem lahmen Taxi sitze mit einem Taxifahrer, der nicht einzusehen scheint, dass mein Zug in neuneinhalb Minuten abfahren wird. Er hat keine Ahnung davon, was passiert, wenn ich nicht rechtzeitig in Wien ankomme. Es sollte Extraplätze für Geschäftsleute in Flugzeugen geben, anstatt sie an Touristen zu verkaufen, die auch zwei Tage später fliegen könnten. Was bleibt unsereins da anderes übrig, als auf Schienen umzusteigen? Wenn ich wenigstens mit dem Laptop an der Sitzung mit dem Vorstandsvorsitzenden der Preusch-AG teilnehmen könnte, aber von Technik verstehen diese Menschen natürlich auch nicht besonders viel. Noch acht Minuten und 51 Sekunden.

(...)

Am Bahnhof herrscht das Chaos. Überall Menschen. Keine Tafeln. Nirgends eine Information. Wo leben wir denn? Zwei Minuten noch. Genau. Wo zum Teufel... Oh diese Treppen. Jede Sekunde zählt, warum habe ich eigentlich nie Sport getrieben? Natürlich, keine Zeit. Wohin denn nur? Dieser Bahnhof hat 18 Gleise, davon jeweils noch Nord und Süd, macht 36, und dann soll man sich hier so einfach zurechtfinden? Endlich kann ich die Tafel sehen, hoch oben thront sie, über den Köpfen der Menschen. Es hat den Anschein, als wisse sie alles und wolle es doch nicht preisgeben. Zahlenberge strömen auf mich ein, meine Augen können die Zahlen nicht erkennen, alles verschwimmt. Scheiße! Eine alte, hinkende Frau rempelt mich mit ihrer Einkaufstasche an und geht weiter, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. ... Auch als sie schon längst in der sich ständig bewegenden Masse aus lauter Mitläufern verschwunden ist, starre ich noch und versuche ihr die angestaute Wut und den Frust des ganzen Tages hinter zu schicken.

 

O Gott, der Zug! Noch immer ist das Erkennen der Zahlen auf der Anzeigetafel unmöglich. – 11 Sekunden. Hoffen wir auf die Deutsche Bahn, dass sie einmal mehr Verspätung hat. Shit! Wo ist die Brille? Im Besprechungszimmer! Endlich hat sich mein Blick gefangen und mein Gehirn versucht mit aller Macht, die Buchstaben und Zahlen in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Da ist es: oberste Zeile: nach Wien, Gleis 13 Süd, Abfahrt 15.30 Uhr.

Und in Rot dahinter: ca. 2,5h Verspätung.

Irgendwie verharrt das Leben um mich herum einen Moment. So, als wolle es mir bewusst machen, dass die Zeit nicht absolut ist. Der kalte Wind, der eben noch durch den Bahnhof pfiff, ist weg, anstelle der Geräusche tritt Stille ein, eine perfekte Stille. Ich versuche mich zu bewegen, doch alles ist wie festgefroren, oder aus Stein gehauen, auf jeden Fall unbeweglich. Nicht einmal meinem Blick wird es gewährt, all die anderen versteinerten Gestalten einzufangen. Ja, sogar meine Gedanken scheinen eine Sekunde lang stillzustehen und der Ruhe Platz zu machen.

 

Ein Taxi muss her. Dürfen die überhaupt ins Ausland fahren? Ein anderer Zug. Ich kenne doch die Deutsche Bundesbahn. Wo ist der nächste Flughafen? War doch alles ausgebucht! Einer meiner Freunde fährt mich sicher nach Wien. Habe ich überhaupt einen guten Freund?

(...)

Meine Gedanken ziehen Kreise, die immer enger werden und dann schließlich doch zu keinem Ergebnis kommen, also fangen sie wieder ganz von außen an. ... Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, die nächsten zweieinhalb Stunden nur untätig herumzusitzen und nichts zu tun. Nichts tun, geht das überhaupt? ... Bedeutet der Herzschlag bereits ‚etwas tun’? Schon wieder so eine Spirale, und über das Nachdenken sind gerade einmal zwei Minuten und 58 Sekunden vergangen.

 

Essen! Genau das ist es. Heißt es nicht immer, Essen sei der schönste Zeitvertreib? Und gesellig noch dazu. ... Vor dem Bahnhofsbäcker steht eine ziemlich lange Schlange. Aus Gewohnheit drängle ich mich vor, weiß dann nicht, was ich nehmen soll und zeige auf das Erstbeste. Dann stehe ich da, mit einem Kokoskuchen in der Hand. Ich mag Kokos nicht. Und warum musste ich drängeln? Da wird man ein Leben lang darauf getrimmt, alles so schnell wie möglich zu erledigen und nun soll ich auf einmal alle diese Selbstverständlichkeiten ändern?

(...)

Majestätisch thront die Bahnhofsuhr über allem, doch scheint sie nun gütiger herunter zu schauen, wie ein alter König, der das Volk beruhigen möchte, das den Aufstand probt. Den Aufstand gegen das Fortschreiten der Zeit. Ihre großen, breiten Zeiger sind alte Finger, die beständig, doch ruhig den Lauf der Zeit beschreiben. Einen Sekundenzeiger gibt es nicht, er ist für kleine Uhren bestimmt. Wie lange sie wohl da schon hängen mag?

(...)

Mir wird klar, was Langeweile bedeutet. Es ist nicht nur das Gefühl, nichts Sinnvolles machen zu können, sondern auch, dass ich mich in diesem Moment mit mir selbst beschäftigen muss. Nichts lenkt von den eigenen Problemen ab, keiner überflutet mich mit Aufgaben, die verhindern dass ich in mich hineinhorche. Nach einer Zeit sinnlosem Herumsitzen kann man nicht mehr an unbedeutendes Vergangenes denken oder sich für andere den Kopf zerbrechen.

Ich verstehe nicht, warum es hier und heute sein muss, irgendwann passiert es einmal. Wer bin ich und warum bin ich so wie ich bin?

(...)

Noch ungefähr eine Stunde. Eine Stunde ist in einer Besprechung nicht viel, für die Bahnhofsuhr sehr wenig und in der Erdgeschichte bedeutungslos.

(...)

Langsam stehe ich auf. Ich habe Zeit. Sie ist mir gegeben als Geschenk und ich kann damit machen, was ich will. ... Ich laufe los, zum Ausgang. Der Zug kann mir egal sein.

 

 

Foto; Müller Quelle: Zeitung zum Sonntag, 3. 2. 2001

 

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