11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

Thema 4

Wohl auf Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd! -

Männlichkeitsmuster in Gedichten

 
Natascha Einhart 
Oken-Gymnasium Offenburg

 

Kriegsspiele - Männermuster in der Beziehung zwischen Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler

 

Mann:

Nun aber ist dies alles festgefügt,

geschlossen wie ein Stein und unentrinnbar:

du und ich.

Es stößt mich nieder und ich schlage

mich an mir selber wund,

wenn ich nur an dich denke.

Denn du bist ein Halbdurchflossenes,

vom Tier getränkt, und wie im Fell der Tiere,

und doch gelöst in allen deinen Gliedern,

voll Spiel der Träume und erlöster

als je ich Mann.

Es gäbe eines nur, dies zu vergelten,

das Frieden brächte.  Das ich jetzt dich frage:

Liebst du mich?...

 

Die Geschlechter wirken gegensätzlich: Dem Mann erscheint die Beziehung festgefügt, geschlossen wie ein Stein, für die Frau gibt es keine einengenden Grenzen, sie ist, Halbdurchflossenes, gelöst.  Ihr Wesen ist dem Tierischen noch viel mehr verbunden, dem Urzustand viel näher als je (der) Mann es sein könnte. Sie ist voll Spiel der Träume, kindlich, unerreichbar für die Realität und den Liebenden.  Mit diesen Attributen greift Benn auf alte Rollenklischees zurück, vermischt das heidnische Bild der Göttin mit christlichen Frauenidealen: Die Frau verkörpert das Irrationale, das Sinnliche, ist vom Tier getränkt, aber gleichzeitig erlöst in ihrer unschuldigen Phantasiewelt.

Bei Benn tritt der Mann nicht als der Überlegene auf, sondern sehnt sich nach der Unbeschwertheit, der Leich­tigkeit der Frau.  Seine Offenheit geht soweit, dass er gesteht, welche Macht die Frau über ihn hat. Wenn ich an dich nur denke, gibt er die Rolle zu, die sie in seinen Gedanken spielt. Aber dieses Gefühl von Schwäche, von Abhängigkeit ist dem Mann unerträglich: Es stößt mich nieder und ich schlage mich an mir selber wund.  Welche Bilder von Gewalt und Kampf statt von Nähe, Vertrauen, Geborgenheit!  Der unbenennbare Feind, das es, ist die unentrinnbare Verbundenheit mit der Geliebten. Gerade dieses Zweisein wirft ihn auf sich selbst zurück, auf seine Haken und Kanten, an denen er sich wund (schlägt). Das sind nicht nur die Selbstzweifel eines Verliebten, der um die Gefühle der Angebeten bangt. Für den Mann führt die schmerzhafte Auseinandersetzung mit sich selbst zu einer erschreckenden Erkenntnis: Er selbst kann sich nicht genügen, zum Leben braucht es du und ich. Als habe die Frau ihm durch ihre bloße Existenz Schaden zugefügt, verlangt er deshalb eine Entschädigung, sie soll es ihm vergelten durch ihre Liebe - als ob man Gefühle aufrech­nen könne.

Auch dieses Gedicht trägt den Titel "Mann". Doch hier ist der Mann nicht alles, sondern Hälfte, braucht die Ergän­zung der Frau zum Ganzsein, zum Frieden. Für die Frau ist die Liebe offenbar Selbstaufgabe: Ja, ich will an dir vergehn..., antwortet die Frau in der nächsten Strophe auf die Rede des Mannes. Ein Blick in die eigene Zukunft?  Dreimal heiratete Benn, die ersten beiden Frauen starben jung, verzehrt von Liebe, die Benn nie in gleichem Maße erwiderte.  Nach dem Selbstmord einer Freundin schreibt er ungerührt: Natürlich starb sie an mir oder durch mich, wie man sagt.  Sie war mir nicht gewachsen als Ganzes... . Aber das konnte Benn noch nicht wissen, als er diesen Liebesdialog schrieb, das erste an Else Lasker-Schüler gerichtete Gedicht. Noch heute weiß man nicht sicher, in welchem Maße die Liebe zwischen Benn und Lasker-Schüler nur ein literarisches Spiel war.  Die Enttäuschung von Lasker-Schüler war jedenfalls genauso öffentlich wie es der Rausch der Verliebtheit gewesen war. Die "Gesammelten Gedichte", 1920 veröffentlicht, enthalten einen Zyklus, der Benn gewidmet ist, Giselheer dem Hei­den, dem Knaben, dem König, dem Tiger, dem Spielprin­zen, dem Barbaren.

 

Vorangestellt sind folgende Verse:

 

Der hehre Giselheer

Stieß mit seinem Lanzenspeer

Mitten in mein Herz.

 

Hier ist nicht der Mann verwundet, sondern die Frau. Sie verletzt sich auch nicht selbst, wie es der Mann in Benns Gedicht tat, sondern ist nur Opfer. Was Schmerz zufügt, ist allerdings wieder das Unentrinnbar(e) ihrer Liebe: Das Bild erinnert an den Pfeil Amors, der sein Ziel unabwend­bar trifft, mitten in (das) Herz. Der Lanzenspeer ist aber sehr viel gröber, archaischer als der leichte, elegante Pfeil.  Während letzterer fast unbemerkt in das Leben dringt, erschüttert der Lanzenspeer durch seine Wucht den ganzen Körper. Seine Gewalt wird gesteigert durch die Wortzusammensetzung, zwei Waffen ist er in einem: Lanze und Speer.

Paradox: Beide scheinen nur die eigene Schwäche, das eigene Leid zu bemerken. Bei Lasker-Schüler hat der Mann die Rolle des Unbesiegbaren, Kraftvollen, obwohl Benn ihn in seinem Gedicht als den Schwachen, Wund(en) beschreibt.  Offenbar gelingt es dem Mann sehr gut, seine Unsicherheit zu verstecken - hinter alten Männerbildern, die sich noch aus den germanischen Sagen speisen.  Doch Lasker-Schüler nimmt das Kämpfe­rische Benns nicht ganz ernst, ist er trotz allem doch "Giselher, das Kind".  Dies wird im nächsten Gedicht noch deutlicher:

 

0, Deine Hände

 

sind meine Kinder

Alle meine Spielsachen

Liegen in ihren Gruben.

 

Immer spiel ich Soldaten

Mit deinen Fingern, kleine Reiter,

Bis sie umfallen.

 

Wie ich sie liebe,

Deine Bubenhände, die zwei.

 

Da ist sie wieder, voll Spiel der Träume.  In ihrer Phanta­sie werden die Hände Benns zu Kinder(n), verlangen Liebe und Behutsamkeit, brauchen Geborgenheit, aber müssen auch erzogen werden, erst noch reif werden.  Mit ihnen verbringt Lasker-Schüler sorglose, fröhliche Stun­den, selbst ein Kind, das vertieft ist in seine Spielsachen.  Benn selbst sieht das natürlich völlig anders.  "Er sagt, er hätte breite Hände.  Ich finde seine Hände wundervoll und rührend, kleine Kinderhände, aber durch die Lupe gesehen, als ob sie durchaus groß sein wollten", schreibt Lasker-Schüler.

Benn möchte groß sein, ein tapferer Soldat, ein schneller Reiter - ein Mann eben mit harten, schwieligen Männer­händen, nicht mit Bubenhände(n) voller Gruben, weich und zart.  Gruben erinnern an Grübchen, können aber auch die Gruben eines Bergwerks sein, aus denen ver­borgene Schätze der Erde ans Tageslicht gebracht werden.  Da die Erde häufig ein Bild für die Frau ist, liegt diese Deutung nahe.  In diesem Sinne stehen die Spielsa­chen für Lasker-Schülers bunte Einfälle, aus denen sie sich eine Traumwelt baut.  Benn wäre somit der Berg­mann, eine Rolle, die er wohl gerne annehmen würde: Der Mann als derjenige, der den Anstoß gibt, ohne den Geheimnisse nicht aufgedeckt werden.

Gruben sind aber auch Fallen, in die man unversehens einstürzen kann, wenn man unvorsichtig ist.  So gelesen, hat Lasker-Schüler in Benns Händen alles verloren, was ihr lieb war, alle (ihre) Spielsachen.  Vielleicht hat sie zu lange mit ihm gespielt, so lange, bis die Spielfiguren zer­brochen waren, sie umfallen, er sie verlassen hat und sie verstört aus ihrem Spiel aufgeschreckt ist.  Wenn ausge­streckte Finger umfallen, bedeutet das, dass sie sich zur Faust ballen - im Untergang werden die Hände zu denen des Kämpfers. Auch dies hätte zu Benns Männlichkeits­mustern gepasst, der erbitterte Widerstand bis zuletzt, ohne um Gnade zu bitten.

 

Doch Lasker-Schüler geht auf diese Männlichkeitsideale ein, ohne sie ernst zu nehmen.  Benn bleibt in ihren Augen ein liebenswürdiger Junge, der Mann spielt. muss das Benn nicht rasend machen, der sich als den stolzen Leidenden sieht, der sich an seinem Verderben berauscht?

 

In "Drohungen", die er an Lasker-Schüler richtete, gab er ihr die Identität Ruths, die als Urbild ehelicher Treue und Liebe gilt.  In die Fremde verschlagen, erlaubt ihr Boas, auf seinen Feldern Ähren zu sammeln, um sich zu ernähren.  Dieser Boas verkörpert Benn - eine Rollenver­teilung, die Lasker-Schüler in den Hebräischen Balladen übernahm., beginnt das Gedicht mit dem Titel "Boas". Aber nachdem Benn sich von ihr getrennt Ruth sucht überall nach Kornblumen hat, weist er Lasker-Schülers Bild der Kornblumen scharf zurück, auch die Treue, die ihm nun nur noch lästig ist.

 

Vor einem Kornfeld sagte einer:

Die Treue und Märchenhaftigkeit der Kornblumen

ist ein hübsches Malmotiv für Damen.

Da lobe ich mir den tiefen Alt des Mohns.

Da denkt man an Blutfladen und Menstruation.

An Not, Röcheln, Hungern und Verrecken-

kurz: an des Mannes dunklen Weg.

 

Die Farbe der Kornblumen, das Blau, steht für geistige Ferne, jene Welt voller Träume, die Benn als Mann nicht glaubt erreichen zu können.  Einst in dem Gedicht "Mann" noch beneidet, werden ihre Phantasiespiele, ihre Märchenhaftigkeit jetzt verächtlich abgewertet zum hüb­sche(n) Malmotiv für Damen ohne tieferen bewegenden Sinn.  Von dieser romantisch ästhetischen Betrachtung der Welt setzt sich Benn mit aller Entschiedenheit ab: Selbstgefällig lob(t) er des Mannes dunklen Weg als den einzig wahren. Während die Frau malt, stehen bleibt in der Betrachtung eines einzigen Aspektes der Welt, geht der Mann vorwärts, immer weiter - die Frau muss schein­bar zwangsläufig zurückbleiben, zur Durchgangsstation werden. Angenehm ist sein Leben nicht, es ist dunkel. Benn meinte mit dunkel sicher das harte Schicksal des Mannes, aber es bedeutet auch, dass der Mann nicht sehen kann, was um ihn herum geschieht, im Gegensatz zur Frau, denn bewusstes Sehen ist die Voraussetzung zum Malen.

Das Rot des Mohns ist die Farbe des Mannes, obwohl Benn als erstes damit Blutfladen und Menstruation asso­ziiert.  Kaum anzunehmen, dass Benn sich dieses Wider­spruches nicht bewusst war.  Erscheinen ihm diese Aspekte der Frau in Wirklichkeit zur Männerwelt gehörig, wie aus Versehen im Schöpfungsplan auf die falsche Seite gerutscht?  Oder verbindet er Blutfladen und Menstrua­tion nur mit seiner Arbeit als Arzt, die damals noch ein reiner Männerberuf war?

Beide Erklärungen klingen nicht überzeugend.  Vielmehr zeigt sich Benns tiefe Verunsicherung durch Lasker-Schüler. Sie stellt die Trennlinie in Frage, die er zwischen den Damen und dem Mann so scharf gezogen hatte.  Gerade am Beispiel Lasker-Schülers musste er sehen, dass ein so oberflächliches Urteil die Wahrheit nicht traf.  Lasker-Schüler kann man schlecht als Dame im Sinne der Gedichtzeile bezeichnen: Extravagant gekleidet in orien­talischen Gewändern, lebt sie völlig mittellos auf der Straße, schläft auf Parkbänken, ernährt sich von der Hand in den Mund. Sie ist die große Außenseiterin: die Alleinerziehende, die zweifach Geschiedene, die Künstle­rin, die Jüdin und schließlich die Exilantin. Aber sie ver­zweifelte nicht daran - im Gegensatz zu Benn, dem ver­lorene(n) Ich. Er steht in der Tradition eines europäischen Denkens, das in den Nihilismus mündet: "Ich bin der Geist der stets verneint." Aber dieser Mephisto leidet an dem Schutt, erträgt die Endzeitstimmung nicht, glaubt verzweifelt an Forschung und Wissenschaft. Not, Röcheln, Hungern und Verrecken will Benn trotzdem nur dem Mann zugestehen. Verliert das Leid den exklusiven Charakter, ist es keine besondere Heldentat mehr, es zu ertragen - aus einem stolzen rauschhaften Untergang wird dann eine gewöhnliche alltägliche Qual. Besonders verstört war Benn wohl, dass gerade das "schwache Geschlecht" es wagt, seine Phantasien des großen Unan­gepassten, des Ausnahmemenschen zu leben. Ihm selbst fehlt dazu der Mut, er kann das Leben von Lasker-Schüler nicht mit ihr teilen.

 

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