11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

Thema 4

Wohl auf Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd! -

Männlichkeitsmuster in Gedichten

 
Carolin Früh 
Goethe-Gymnasium Gaggenau

 

Männer ziehen jubelnd in den Krieg: Ins Felde, in die Freiheit gezogen! (Reiterlied, Friedrich Schiller). Die Befreiung, die der Krieg schafft, ist jedoch nicht nur eindimensional als die Befriedigung des Freiheitsdranges des Mannes als Streben in die Ferne zu schweifen zu sehen, sie ist vielschichtiger.  Sie ist auch Befreiung von der eigenen Verantwortung; der Mann muss sich nicht mehr selbst auf die vage Suche nach dem persönlichen Glück machen, nach dem Land, wo es besser zu Leben ist (Ballade von den Abenteurern, Bertolt Brecht).  Es wird befohlen und der Mann folgt: Füg ich mich, wie Gott es will,/ Und so will ich wacker streiten (Reiters Morgenlied, Wilhelm Hauff). Der Mann ist befreit von eigenen Entscheidungen, eigene Gedanken sind nicht mehr notwendig. Aber nicht nur das, durch den Krieg tritt der Mann aus der Gesellschaft aus, die ihn kontrolliert, Auf sich selber steht er da ganz allein (Reiterlied, Friedrich Schiller). Er wird von den komplexen Gesellschafts­strukturen befreit; die Lebensregeln, denen er jetzt folgt, sind auf ein Minimum reduziert. Der Mann kann seine archaischen vorgesellschaftlichen Seiten, also einen Teil seiner selbst, den er sonst unterdrücken muss, ausleben und, seine Raffgier, seine Begierden, die er sonst noch gezügelt hat, frei entfalten: Es befehden sich im Grimme/ Die Begierden wild und roh (Würde der Frauen, Friedrich Schiller). Die Folge davon ist einerseits, dass Des Lebens Kämpfe stählen/ Härter seinen (des Mannes) harten Sinn (Würde der Frauen, Friedrich Schiller), er wird also bereit gemacht für die Unwegsamkeiten des Lebens, er wird fähig auch schlechtere Zeiten zu überstehen. Darüber hinaus glaubt der Mann zu erkennen: Im Felde, da (sei) der Mann noch etwas wert, da (werde) sein Herz noch gewogen (Reiterlied, Friedrich Schiller); d.h. durch das einfache Faustrecht, dadurch dass die komplizierten Verhaltensregeln der Gesellschaft aufgehoben sind und klar für jeden erkennbar ist, wer der Besiegte und wer der Sieger ist, kann der Mann eine Selbstschätzung und ein Selbstwertgefühl erlangen, welche im Alltag nur schwer zu erringen sind. Der Mann spürt an seiner Stärke und List, welchen konkreten Wert er für seine Kriegspartei hat. Der Mann ist also durch den Krieg von seinen gesellschaftlichen Minderwertigkeitskomplexen befreit.

 

Hier allerdings liegt auch die große Gefahr, dass das gesunde Selbstwertgefühl unkontrolliert und übermäßig gesteigert wird und sich dann gegen den Mann selbst kehrt. Gerade wenn auch noch Macht, meist durch Kriege errungen, mitspielt, bricht beim Mann der Übermut aus; er hält sich für unbesiegbar, wie zum Beispiel der König Belsazar in der gleichnamigen Ballade von Heinrich Heine.  In den ersten Strophen wird das typische Bild einer Männergesellschaft gezeichnet: es jauchzten die Knecht und es wird Beifall (ge)brüllt, nachdem Im Wein (...) kecker Mut erwachsen ist. Wohlgemerkt: es sind ausschließlich Männer im Saal und In stummer Ruh lag Babylon, d.h. die überwachende Funktion der Gesellschaft ist ausgeschaltet und auch die eigene Kontrollfähigkeit durch den Wein herabgemindert worden. Und in dieser Situation hält sich der Mann, hier der König, für allmächtig, er begehrt schließlich alles und gibt sich mit den irdischen Gütern nicht mehr zufrieden. Er überschätzt sich maßlos  und unterliegt der  männlichen Selbstübersteigerung bis hin zum Größenwahn: Jehova!  Dir künd ich auf ewig Hohn-/ Ich bin der König von Babylon. Erst nach dieser folgenschweren Aussage folgt der Moment der Ernüchterung, dem König ward's heimlich im Busen bang, es ist jedoch schon zu spät; Belsazar ward aber in selbiger Nacht/ Von seinen Knechten umgebracht.

 

Und eben genau darauf wollen viele Gedichte den Blick lenken, dass nämlich diese männlich gerühmte Freiheit und das Raffen nach Besitz und Macht nicht alles sein kann und darf, weil sich dieses ins schreckliche Gegenteil verkehren kann. Der Befreier Krieg wird auch von der anderen Seite beleuchtet; es wird der Wandel des Mannes vom gefeierten Kriegshelden, zum Kriegsopfer, zum Mann als Bettelsoldat, der am eigenen Leib erfahren muss, was es mit der scheinbaren Freiheit des Mannes auf sich hat, nachgezeichnet. Statt Ruhm und Gütern, nach denen der freie Mann lechzt, erhält er Die Belohnung/ Mit diesem Bettelstab (Der Bettelsoldat, Christian F.D. Schubart).  Und plötzlich hat sich das Blatt gewendet, er ist doch wieder auf die Gesellschaft, die er zuvor noch hochmütig abgewiesen hat, angewiesen: Wer nimmt sich meiner an? In dieser Situation bemächtigt er sich wieder seines eigenen Verstandes, nachdem er mußt' im Blute waten,/ wenn es (der) Herr gebot (Der Bettelsoldat, Christian F. D. Schubart). Der Mann kommt zu dem folgenschweren Schluss: Wer für die Reichen bluten konnt,/ kann für die Seinen mehr (Soldatenlied, E. Mühsam). Und der männliche Freiheitsstreber erkennt, erst wenn Nie wieder (...) das Völkerband/ in rohem Krieg(..) (Soldatenlied, E. Mühsam) entzweireißt, erst dann ist alle Welt(..) frei (Soldatenlied, E. Mühsam). Der Mann strebt also nach einer ganz anderen Freiheit auf einmal.  Jedoch ist sein Friedenswille nicht auf einen Wandel seines Charakters zurückzuführen, die Wertedefinition  bekommt eine andere Richtung: dann stehn wir für Weib und Kind (Soldatenlied, E. Mühsam).

 

Die Frau jedoch erscheint als das Gegenbild des Mannes.  Die Frau ist an das Haus gebunden, sie kann also gar nicht ein solches Freiheitsstreben, wie es dem Manne eigen ist, entwickeln. Jedoch ist der Gegensatz weit tiefgreifender: Definiert sich der Mann eher über das Haben, so definiert sich die Frau mehr über das Sein.  Der Mann will besitzen und raffen, während die Frau vereinen (will), was ewig sich flieht (Würde der Frauen, Friedrich Schiller), d.h. sie möchte Verbindende und Sorgende sein. Dies findet der Mann zwar anziehend - ebenso wie umgekehrt - aber aus dieser Konstellation entsteht zwangsläufig ein Polarisationsfeld. Im "Heidenröslein" von Johann Wolfgang Goethe wird dieses zwiespältige Verhältnis eindrucksvoll deutlich: Ein junger Mann will eine Rose unbedingt besitzen und pflückt deshalb diese Blume, die ein Symbol für die Frau ist.  Dies bedeutet jedoch für sie den Tod. Aber auch der junge Mann hat keine Freude an ihr, da er beim Pflücken gestochen wird. Außerdem wird die Blume bald welken und die Freude des "Knaben" dann endgültig vorbei sein.  Dies zeigt, dass der Mann in der Liebesbeziehung zu einer Frau mit seinem sonst so bewährten Prinzip des Besitzens und Haben-Wollens um jeden Preis nicht weiter kommt.  Er findet selbst Gefallen an der gegenteiligen Auffassung, denn dem von der ruhelosen Jagd nach seinen Wünschen und nach seiner Freiheit ermüdeten Mann erscheint die Frau sogar als Freier in ihrem gebundenen Wirken (Würde der Frauen, Friedrich Schiller) als er selbst bei all seinem Streben ins Weite. Mann und Frau bleiben sich aber fremd, zu verschiedenartig ist ihr Wesen. Denn rast der Mann Rastlos durch entlegne Sterne und Jagt er seines Traumes Bild, so Winken die Frauen den Flüchtling zurücke (Würde der Frauen, Friedrich Schiller).  Aber der Mann kann sich diese Macht der Frauen, die diesen aus ihrer Andersartigkeit erwächst, nicht erklären.  Er erkennt nicht, dass die Frauen nur eine Neigung im Manne wecken, die er sich in seiner männlichen Härte nicht eingestehen will und kann. Er bemerkt lediglich, dass in ihm etwas stärker ist als seine Begierde nach Freiheit und Besitz, und er steht ihm machtlos gegenüber. Deshalb erscheint ihm die Macht der Frauen über ihn wie ein Zauber. Den Frauen wird zum Beispiel die Gabe mit zauberisch fesselndem Blicke (zu)/ Winken (Würde der Frauen, Friedrich Schiller) zugesprochen. Aus der eigenen Unsicherheit des Mannes heraus wird die Frau zur mitunter tödlichen Gefahr.

 

Das Motiv der Loreley dient besonders dazu, diese empfindliche Stelle des Mannes darzustellen.  Aus ihren Liebesbanden/ (ist) keine Rettung mehr (Lore Lay, Clemens Brentano), da ihre Augen (...) zwei Flammen sind. Selbst geistliche Herren sind nicht vor ihr sicher.  Es fällt auf, dass gerade die erotischen Merkmale als das Zauberwerk der Verführerin dargestellt werden: So Die Augen sanft und wilde,/ Die Wangen rot und weiß,/ (...) dies ist (ihr) Zauberkreis (Lore Lay, Clemens Brentano) oder auch ihr (Ich weiß nicht was soll es bedeuten, Heinrich Heine), welches sie hingebungsvoll goldenes Haar bürstet.  Darüber hinaus ist zu erkennen, dass sich diese Sage und auch ähnliche Nixenmotive der Verführung immer am oder im Wasser abspielen. Dabei wird in unterschiedlicher Motivsprache der Vorgang des Beischlafs verhandelt. In ihm ist der Mann der Frau und darüber hinaus seinem eigenem Körper ganz und gar ausgeliefert. Es geht nicht mehr darum etwas zu haben, es geht dabei nur um das "Sein".  Das heißt, der Mann muss aus seinem ureigenen Verhalten des Besitzens heraustreten. Dies erzeugt bei ihm eine sehr große Unsicherheit. Der starke besitzende Krieger wird also plötzlich verletzlich und sensibel. Dies stellt aber auch eine große Bedrohung für sein Tun außerhalb der Liebesbeziehung zu einer Frau dar. Gibt sich der Mann ganz der Frau hin, so kann er nicht mehr selbstsicher bestehen: Da trübte Wehmut den Turnerblick./ Er dachte an die. Loreley von Heine./ Und stürzte ab. Und brach sich das Genick, so reimt Erich Kästner ironisch in seinem Gedicht "Der Handstand auf der Loreley". Es ist das Gefühl, das den Mann aus der Ruhe bringt. Beim Erobern von Dingen und Ländern verlangt der Mann: Herz, bleib kalt! Hand, halt das Steuer! (Der neue Columbus, Friedrich Nietzsche). Ein anderes Verhalten stürzt ihn ins Verderben, wenn Der Schiffer (...) schaut nicht die Felsenriffe (Ich weiß nicht was soll es bedeuten, Heinrich Heine), sondern die schöne Loreley, dann muss er sterben. Denn Halb zog sie ihn, halb sank er hin/ Und ward nicht mehr gesehn. (Der Fischer, Johann W. Goethe), der Mann geht unter im schwachen Moment, in dem er nur fühlt und nicht mehr denkt. (Früh)

 

 

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