11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

Thema 4

Wohl auf Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd! -

Männlichkeitsmuster in Gedichten

 
Eva-Maria Heinz 
Heinrich-Suso- Gymnasium Konstanz

 

Aus dem Vorwort: Um die Kriterien (Ideenreichtum, Genauigkeit der Beobachtung, Differenziertheit der Themenerschließung und der Reflexion, Angemessenheit und Originalität der Darstellungsform sowie Sprache und Stil) möglichst angemessen zu vereinen, habe ich mich entschieden, meine Arbeit als Gedicht zu gestalten. Dem Ergebnis liegt eine intensive Beschäftigung mit der deutschen Lyrik seit dem 17. Jahrhundert zu Grunde. – Mein Ziel war es, typische Männlichkeitsmuster und deren Wandel herauszuarbeiten. Hierbei zeigte es sich, dass sich erst im 20. Jahrhundert ein grundlegender Wandel des Männerbildes vollzog. Deshalb habe ich mein Gedicht in zwei große Teile untergliedert („Dämmerung“ bis „Hinterbliebene“ einerseits, „Vision“ und „Tod“ andererseits). (...) In einem Anhang sind alle Gedichte abgedruckt, auf die ich in meiner Arbeit direkt oder indirekt Bezug nehme. Durch Unterstreichungen sind die Stellen markiert, auf die ich mich speziell gestützt habe. Die Fußnoten geben die Quellen an und verweisen – wo es sich anbot – auch auf die entsprechenden Zeilen, auf die ich Bezug nehme.

Dämmerung

 

Tausend Schritte hallen in den grauen Gassen,

Klirren, Jauchzen, Jubeln, Hämmern.

Stimmgewirr neu auferstandner Massen,

deren Schatten langsam dämmern.

 

Stimmen, Schritte, Säbel, Schwerter

rücken näher immer näher.

 

Blitze zucken durch die Luft,

die erleuchten für Sekunden

die Erstandnen aus der Gruft,

eingeprägt in jeden Sinn für Stunden.

 

Ritter, Richter, Retter, Dichter,

Bauer, Landsknecht, lover, loser,

 

gehen, Schritt um Schritt, den vorbestimmten Weg,

der durch Tal und Wies, durch Zeit und Raum,

beschwerlich auf und nieder führt,

ohne dass das Ziel absehbar wär‘.

 

Mut, Bescheidenheit, Standhaftigkeit,

Gott Ehr und Preis, dem Feinde Trutz,

 

muss der Zug aus Männern

bald erweisen

auf der langen Reise,

die kein Ende nimmt.

 

Versuchung, Verführung, unsägliche Liebe,

große Not und Tod im Kriege,

 

wird dem Manne auf der Reise widerfahren.

Dem zu widerstehen ist des Mannes Pflicht,

denn ansonsten wird er weibisch untergehen

an der Welt, für die er ficht.

 

Als Herr soll er sich bald erweisen, als Held im Feld,

als Weiser in wichtigen Fragen,

Unglück soll er ohne Jammern tragen,

denn wer ausharrt wird gekrönt am Ende seiner Tage.[1]

 

 

Sein tapf‘rer Tod im Felde,

belohnt durch ew‘ges Leben,

wird das Leid der Weiber

durch erlangten Ruhm aufheben.[2]

 

Doch was, wenn alle Ordnung einst zusammenbricht,

und der Mann dann nur noch läufig ist?[3]

 

Die Hinterbliebenen

 

Die Winde brausen ums einsame Haus

und Jahr kehrt ein und Jahr kehrt aus.

 

Allein die Frage bleibt und bohrt:

»Wann kehrst du heim«,

mein Kind, mein Bruder, mein Mann?

 

Was säumst du denn so lang?

Die Frauen lauschen, da hebt sich der Staub:

 

Ein Rappe kommt daher im schnellen Lauf.

Doch sitzt kein Reiter drauf,

 

denn erschossen wurd‘ der in der Schlacht.

Da stimmen die Verwaisten zugleich die Klage an.[4]

 

"»Was härmst du dich bleich«,    
»lebt dir doch ein Knab‘«!"[5]

So ist des Nachbars Trost und Rat.

 

Doch Trauer lässt sich nicht befehlen,

so scheidet denn die Mutter bald dahin.[6]

 

Allein das Kind, nachdem der Vater tot, erschlagen,

und die Mutter tot vom Klagen,

 

soll wachsen hoch und werden stark,

damit es einst den Feind kann strafen.[7]

 

Was es muss sehen und erleben,

lässt es nicht in die Kriege streben.

 

Denn täglich hört es den Gesang

des alten invaliden Kriegesmann:

 

„»Zerhauen und zerschossen ist jedes Glied«.

»Was nun zu tun? Was fang ich an?“

 

„Gebettelt, alter Kriegesmann!«

Wo nicht? Dich aufgehangen.“

 

Die Vision

 

Gewitterwolken ziehen auf,

die hüllen die Menschheit in dunkles Grau,

der Ruf der Hörner erstirbt im dumpfen Grollen

des unheilverheißenden mächtigen Rollens.

 

Aus dem dunklen Gebräu der Massen

ersteigen Feuerschwaden,

die nichts von dem Gewes‘nen

und keine Ordnung stehen lassen.

 

Aus dem Rattern der dampfenden Maschinen,

ist das zweite Geschlecht erstiegen.

Noch stehen sie im Schatten ihrer Männer,

und warten aufs tosende Dämmern.

 

Nach zwei Kriegen bricht es herein.

Da hilft kein Jammern und Schrein.

Im Geschlechterkampf werden die Frauen siegen,

den Männern werden ihre Ideale um die Ohren fliegen.

 

Denn allein die Frau, die regiert,

bestimmt, wer im eigenen Heim dominiert,

und wenn der Mann nicht funktioniert,

wird er ausrangiert.

 

Ach weh, solch‘ Leid soll mancher Mann

in alten Zeiten schon erfahren haben.

Doch wurde dies nicht ausposaunt -

wie heutzutage!

 

Allein die neue Zeit scheint

Freud‘ daran zu haben,

die Schwächen zu betonen,

die armen Männer nicht zu schonen.

 

Kein Heldenlied auf jeden tapfren Sohn

wird mehr gesungen,

der Krieg wird schnell verdammt [8]

und als das Übel aller Übel angeprangert.

 

So wird das Lied und das Gedicht,

das bisher die Verherrlichung des Heldentodes ist

zur Darstellung des Grauens nun verwandt‘,[9]

wo Zynismus wandelt mit der Ironie Hand in Hand.

 

Allein was hilft es, wenn der Mann

darüber bei Behörden klagt,

es bleibt doch ohn‘ Ertrag.

 

Der Hilferuf, den er entsendet,

wird gestempelt zurückgesendet.[10]

An wen soll Mann sich

in der fehdelosen Zeit nur wenden?

 

So bleibt dem Manne nichts als Warten,

dass er den Wandel seines Lebens bald erfährt,

auch wenn der ihm nur neues Unheil beschert.[11]

 

Dies ist das Schicksal jener neuen Männer,

die, ungewünscht entstanden,

aus Güte einen Platz auf dieser Erde fanden.[12]

 

Und hat er dieses finalement erkannt,

so sieht er auch, dass überall, wo er gegangen,

ein Staubbaum ist entstanden.[13]

 

Daraus ersieht man dann zugleich,

dass er nicht mehr ist, als ein Sein,

das dann an andre übergeht.[14]

 

Allein die Liebe, das Lied von Abhängigkeit und Leid,

ist das, was von den heroischen Zeiten übrigbleibt.

Die Sehnsucht nach Erfassen und Geborgenheit.[15]

 

Jedoch ist selbst der Ausdruck von Gefühlen

verdorrt und eingetrocknet

in der heut’gen Zeit.[16]


Der Tod

 

Die Glocken läuten,

Schritte eilen,

das Ende naht.

 

Allein ein letzter klarer Augenblick

ist ihm beschert,

bevor er stirbt.

 

In dieser einen wahren Stunde

erkennt er all‘ der Männerleben Lauf.

 

Mit schreckverzerrten Augen muss er seh‘n,

dass diese böse Zukunftsvision

wird einst in Erfüllung geh‘n.

 

Das alles ist im Menschenlauf schon angelegt:

 

Noch stehen die Figuren

auf dem schwarz und weiß karierten Brett

in fester Position verankert.

 

Doch schon beginnt das Spiel

zu beben und zu schwanken.

Die Karten sind vertauscht für jeden Mann.

 

Der Reiter stürzt,

der Bube springt voran.

Der König fällt,

 

die Königin vertauscht den Platz mit ihrem Manne

und die verruchte Bäuerin

zieht sich schon die Männerstiefel an.[17]

 

Wenn das Zittern dann erstirbt,

leben alle fort,

die Rollen sind jedoch verkehrt.

 

Das Auge bricht.

Die Stimm‘ wird matt,

schon tragen die Angehörigen ihn zum Grab.

 

Ein Engel, der ihn sieht,

so aufgebahrt,

dem wird ganz schwarz.

 

Ein andrer Engel weint,

er denkt an all das Leid,

das diesem Manne wurd‘ zuteil.

 

 

 

 

 

 



[1]           Herder, Johann Gottfried: Die wiedergefundenen Söhne, Strophe 14, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[2]           Rückert, Friedrich: Geharnischte Sonette, Abschnitt 5, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[3]           Grass, Günther: Mannomann, in: Der Butt.

[4]           Chamisso, Albert von: Der Sohn der Witwe (litauisch), Strophe 7, Z.1, Strophe 9, Z. 2, Strophe 13, Z: 1 u. 2, Strophe 16, Z. 1, Strophe 21, Z. 1, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[5]           Besser, Hermann: Die Trommel, Strophe 4, Z. 1, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[6]           Chamisso, Albert von: Der Sohn der Witwe (litauisch), Strophe 25, Z. 1 u.2, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[7]           Schwab, Gustav: Blutrache (Nordische Sage in drei Balladen), 1821, Abschnitt I, Strophe 3, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[8]           Stramm, August: Wache, Patrouille, Sturmangriff/ Klemm, Wilhelm: Schlacht an der Marne, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

[9]           Meckel, Christoph: Rede vom Gedicht, in: Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[10]          Kunert, Günter: In den Herzkammern der Echos, in: Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[11]          Brecht, Bertold: Der Radwechsel, Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[12]          Brecht, Bertold: Von der Freundlichkeit der Welt, Strophe 2, Z. 1-4, Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[13]          Goll, Yvan: Der Staubbaum, in: Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[14]          Benn, Gottfried: Gesänge ,Strophe 1, Z. 1-4 in: Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[15]          jandl, ernst: liegen, bei dir, in: Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[16]        Kunert, Günter: ohne Pathos, Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.

[17]          Herder, Johann Gottfried: Das Schachspiel, in: Internet - Werkstatt.net/Gedichte.

 

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