11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

Thema 4

Wohl auf Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd! -

Männlichkeitsmuster in Gedichten

 
Nadine Reibling 
Mädchengymnasium St. Agnes Stuttgart 

 

Tote Helden oder die Emanzipation des Mannes

 

Bis jetzt schien es doch so, als sei der Mann in diesem System fest verankert und seine Vormachtstellung mehrfach abgesichert. Mit Beginn der siebziger Jahre jedoch beginnen junge Lyriker sich mit diesem Männerbild auseinander zu setzen. Sie fühlen sich in ein Schema gepresst, das ihnen nicht mehr angemessen ist.

 

Ich habs satt

dies oder jenes

zu sein oder

dies oder jenes

nicht zu sein

(Theo Schneider: Männer, ah ja Männer)

 

Die jungen Menschen dieser Generation stellen fest, dass jeder Mensch männliche und weibliche Teile in sich trägt.  Der Autor drückt aus, dass die jungen Männer nicht mehr die Bereitschaft haben, sich dem gegebenen Bild vom Mann anzupassen und sich dagegen wehren, die weibliche Seite ihres Ichs zu verleugnen.

Aber warum wehren sich die jungen Männer jetzt plötzlich gegen das, was seit Generationen als richtig angesehen wurde ?

Die Emanzipation der Frau, die in den sechziger Jahren ihren Gipfel hatte, nahm dem Mann seine Definitionsgrundlage. Ein Mann ist erfolgreich - Frau auch. Ein Mann versorgt seine Familie - Frau auch. Ein Mann ist intelligent - Frau auch.  Diese Reihe ließe sich fast endlos fortführen und brächte uns immer wieder zum selben Ergebnis. Der Mann kann nicht mehr Mann sein, wenn Frau nicht mehr Frau ist. Die Veränderung des Frauenbildes fordert auch vom Mann eine Veränderung. Der Mann ist deshalb von der Emanzipation betroffen, weil man Männlichkeit nur definieren kann, wenn man sie in Kontrast zur Weiblichkeit setzt, d.h. indem die Frauen sich neu definierten, zwangen sie die Männer das gleiche zu tun.

 

In seine Sicherheiten

sind auf einmal Türen gebrochen

Schwingtüren Drehtüren Falltüren

manche schließen nicht gut 

(Erich Fried: Durchlässig)

 

Das, worauf sich der Mann seit Ewigkeiten verlassen hat, dass er besser, stärker, intelligenter ist als die Frau, stimmt auf einmal nicht mehr. Das einzige, worin er der Frau überlegen ist, seine Muskelkraft, hat er mit der Erfindung der Maschinen selbst bedeutungslos gemacht. Erfindungen, die revolutionär und jede für sich ein kleines Wunder waren, sind "eingeholt" worden von der Zukunft, von den Frauen, aber vor allem von ihren eigenen Konsequenzen.

 

Deine Siege datiert und in Reihe gebracht.

Dein Fortschritt eingeholt und vermessen.

(Günter Grass: Mannonann)

 

Noch in den 60er Jahren lebten die Industriestaaten im Glauben, der immer neue Fortschritt würde zu immer weiteren Verbesserungen führen.  Doch sie sind eines besseren belehrt worden. Das ökologische Debakel und die nukleare Bedrohung dokumentieren überdeutlich den Bankrott des männlichen Welt- und Technikverständnisses.

Es ist kein Zufall, dass gerade die jungen Dichter der 70er Jahre damit begannen, die Lebensphilosophie des patriarchalischen Mannes anzuzweifeln.  Sie stellten die Demokratie, die Universität, die Politiker und die Eltern in Frage, und alles, was bisher als gut und richtig gegolten hatte. Warum nicht auch das patriarchalische Männerbild? Mussten sie nicht zwangsläufig darauf stoßen, dass die Lebensphilosophie des "Supermannes" für den Zustand der Welt, den sie ändern wollen, verantwortlich ist?

 

Mir ist auch nicht klar

wo sie hingekommen sind - die Männer

ein Teil blieb wohl im Osten

verreckte an Tbc in den Gruben von Karaganda

oder erfror Ratten fressend im Kessel von Stalingrad

was übrigblieb

unterzogen die Entnazifizierungsausschüsse

einer Geschlechtsumwandlung

aus faschistischen Männern wurden deutsche Beamte  (Theo Schneider: Männer, ah ja Männer)

 

Der Krieg als großer Spielrahmen der Politik, Gewalt auszuüben, ist in einem Staat, der von Männern regiert wird, die sich selbst andauernd mit dem Kampf identifizieren und daran gewöhnt sind, Probleme mit Gewalt zu lösen, als politisches Mittel gesellschaftlich anerkannt.  Kriege durchziehen unsere Weltgeschichte, zu allen Zeiten haben Männer versucht, Streitigkeiten damit beizulegen oder als Heerführer Eroberungen zu machen, die ihnen Ruhm und Ehre einbrachten und ihnen bestätigten, dass sie das Ziel ein Held zu sein erreicht hatten, wie sie meinten.

 

Die Folgen der beiden Weltkriege jedoch, die durch die technischen Möglichkeiten unvergleichlich grausam waren, haben dem Krieg und dem System, das sie verursacht, endgültig ihre gesellschaftliche Anerkennung genommen. Das lyrische Ich diagnostiziert also richtig, wenn es als Todesursache für das  männliche Heldenbild den Krieg symbolisiert durch Kriegsschauplätze wie der Osten oder Stalingrad und Institutionen nennt wie die Entnazifizierungsausschüsse, die eingerichtet wurden, damit sich ein solcher Krieg niemals wiederholt.  Das alte Männlichkeitsmuster des Helden ist nicht mehr erwünscht in der modernen Welt; das Patriarchat ist am Ende seines Siegeszuges angelangt, es hat verloren, indem es sich selbst besiegt hat. Die Welt verlangt nun nach anderen Männern.

 

Die jungen Dichter forschen nun nach ihren noch unbekannten Seiten in sich selbst, den Gefühlen und Gedanken, die sie bis jetzt nicht zulassen durften. Sie erkennen auch die Schwierigkeiten, sich zu verändern in einer Gesellschaft, die noch immer den Mann als Helden ansieht und die Ansinnen der Dichter als weibisch verachtet. Trotzdem versuchen sie sich der weiblichen Seite ihres Ichs zu öffnen und läuten damit einen Selbstfindungsprozess ein.

 

Sein Unglück

ausatmen können

(...)

 

Und vielleicht auch sein Unglück

sagen können

in Worten

in wirklichen Worten

(...)

 

Und weinen können 

(Erich Fried: Aufhebung)

 

Der neue Mann muss und will endlich über seinen Schatten springen um sich aus der Gefühlsstarre zu lösen. Es entbrennt ein neuer Wunsch, die Ängste und negativen Gefühle des Mannes sich selbst gegenüber  zugeben zu können, sie auszuatmen, um wieder frische Luft zu bekommen, um ein Problem los zu werden und es nicht ewig im Unterbewusstsein zu speichern. Der nächste Schritt besteht darin, diese Gefühle auch anderen Menschen mitteilen zu können, und zwar deutlich und ehrlich, in wirklichen Worten und nicht in versteckten Botschaften, so dass endlich eine wirkliche Kommunikation entstehen kann. Noch eine Stufe darüber steht das weinen können, das den anderen Menschen mitteilt, dass es einem nicht gut geht. Dabei werden die Gefühle gereinigt und es wird oft möglich ein Problem in einem anderen Licht zu erfassen.       Reibling Th4

 

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