11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

1.  

„Cappuccino wie immer?“

Besuche in Ihrem Lieblingscafé. - Halten Sie Ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.  

 
Judith Beck 

Gymnasium Balingen 

die.nudel@web.de 

30.04.2000

Sie war wieder da. Sie, deren Augen beim Anblick einer Schwarzwälder-Torte leuchten. Leuchten, als wenn man sämtliche Sterne am Himmel auf einmal anknipsen würde. Nicht nur die Sterne werden angeknipst, nein, sie erleuchtet mit ihren Augen das ganze Café. Ein einziger Blick zu mir her, ein einziger, aber in ihm spiegelte sich die ganze Welt ihrer Gefühle wieder. Eine lächerliche Schwarzwälder-Torte bringt sie zum Strahlen. Und ich strahle mit.

Ganz beschwingt, mit leichtem Schritt, fast tanzend, lief sie zum Kuchenbüfett. Unendlich langsam hat sie dann den Arm ausgestreckt und gesagt: "Diese Torte da." Diese, die ich gemacht hatte. Aber das wusste sie ja nicht. Sie wusste es nicht, als sie mit Vorfreude in der Stimme Jack, den Kellner, darum bat.

 

Ich bin ihr so dankbar. Mit ihrer Lebensfreude nimmt sie jeden mit. Sie nimmt mich mit. Mich, der schon seit langem von niemandem mehr auf eine Reise in die Gefühlswelt mitgenommen wurde. Sterbende Dichter sind einsam.

 

1.05.2000

Die Tage, in denen sie nicht im Cafe ist, sind schrecklich langweilig. Man trinkt seinen Cappuccino, beobachtet die Menschen um sich herum und alles spielt sich in der trägen Monotonie alltäglicher Riten ab. Gäste kommen, Gäste gehen. -

Ein Junge kam, an der Schwelle zum Mann. Stolz, wie ein Geck stolzierte er ins Cafe. Seine Freundin wird es wohl gewesen sein, die hinter ihm hereinkam. Kalt für die Wärme, die sie ausstrahlte, setzte sich der junge Mann an einen Tisch, der ihm gefiel. Das Mädchen war fast noch am Eingang, als er schon die Jacke über die Lehne gehängt hatte. Zufrieden hat er sich umgesehen, behag­lich in den Stuhl zurückgelehnt und der Bedienung gewunken.

Es tut weh, solche Schatten über das Gesicht eines jungen Menschen huschen zu sehen. Ohne Zweifel ist sie die ‚Liebendere’ von beiden. Sie schloss kurz die Augen, ging zu ihm, setzte sich und lächelte. Sie lächelte ihn an, mit der ganzen Kraft, die sie zu bieten hatten. Aber ihre Augen blieben stumpf. Dort war keine Kraft zu sehen. Er hatte bereits für sie beide bestellt. - Entscheidungen, die gefällt werden, Worte, die gehört werden, Befehle, die ausgeführt werden. Klaglos. Wofür nur?

 

Man muss diese jungen Leute bewundern. Sie stürzen sich von einer Beziehung in die nächste. Fügen sich gegenseitig Verletzungen zu, ... und dennoch lachen sie, fühlen sich frei, genießen dieses Gefühl, das sie wohl Leben nennen.

 

Im Laufe des Nachmittags hatte sich über den beiden eine Gewitterfront zusammengebraut, die den gestan­densten Seemann das Fürchten gelehrt hätte. Als sich die Blitze ihrer angestauten Aggressionen dann endlich entluden, hatten die Beiden, ohne es zu wollen, das ganze Cafe zu Besuchern einer Arena werden lassen. Sympathielos, streitgeil und aufgestachelt, und dies alles unter dem Nerz der falschen Anteilnahme, haben die Gäste unauffällig auffällig hinübergeschielt. Und die Beiden? Sie zogen sich vor den Ohren der anderen aus. Ein Kleidungsstück des ganzen Beziehungsschrankes nach dem anderen folgte. Und am Schluss wurden sie sich der Aufmerksamkeit der anderen jäh bewusst. Als sie keinen einzigen Fetzen Liebe mehr zum Ankleiden hatten. Und wie sie sich schämten... 

 

4.05.200

Ich las noch einmal den Eintrag von gestern: leblos, kraftlos und müde. - Aber heute wurde alles wieder wettgemacht: Sie ist gekommen. Mit einem riesigen Kuscheltier. Es war ein großer, dicker, grauer Elefant. Einer, der aussieht, als könne er Legionen von Traurig­keiten vertreiben. So hat er das jedenfalls mit meinen gemacht - und mit denen einer jungen Frau, die völlig verzweifelt in einer Ecke saß. Den Elefanten vor sich herschiebend ist die Kleine zu ihr gegangen und meinte: „Wenn Du ihn streichelst, schüttelt er seinen ganzen Körper und dann verbeugt er sich vor Dir. Möchtest Du das?“...

 

15.05.2000

Heute ist sie nicht fröhlich gewesen. Ihre Augen haben nicht die Welt umarmt, haben keine Heldenschlachten ausgefochten, wollten nicht beim Anblick der Schokotorte leuchten. Nein, sie sah eher aus, als wenn sie die Grausamkeit aller Drachen, Zauberer, bösen Hexen und sonstigen Unwesen auf einmal in realer - schlimmer noch - menschlicher Weise am eigenen Leibe hätte erfahren müssen. Das ganze Persönchen stellte eine Sinfonie der Traurigkeit dar. Ich bin zu ihrer Mutter hingegangen und habe sie gefragt, warum die Kleine ein Gesicht mache, als wenn sämtliche Blumen verdorrt wären. Ihre Mutter antwortete, sie wüsste es nicht, die Kleine sei schon den ganzen Tag so in sich gekehrt und von dieser Traurigkeit wie eingefangen. Die Hand in die ihrer Mutter geschmiegt, drückte sie ihr Gesicht in die Haare ihrer Puppe. Nur die Augen schauten fragend darüber hinweg. Ich fragte sie, was denn los sei. Aber sie drückte sich nur noch mehr an ihre Mutter, fast schon hinter den Beinen verschwindend. „Hat der Zauberer nun auch Dich verzaubert?“, habe ich sie gefragt. Schüchtern hat sie ihre kleine Stupsnase mir wieder zugewendet und gemeint, dass der Zauberer ihrer Freundin im Kindergarten eine schlimme Krankheit angehängt hätte. Und dass diese jetzt ganz allein daheim wäre, weil sie momentan nicht aus dem Haus könne. Da habe ich sie an der Hand genommen und gemeint, dass wir ihrer Freundin doch eine Freude machen könnten. Wir könnten ihr einen Kuchen vorbeischicken und alle Gäste im Cafe sollten auf einer Karte unterschreiben und ihr eine Gute Besserung wünschen, ob das denn nichts wäre. Auf einmal sind ihre Augen ganz groß geworden. Ob die anderen Gäste da denn mitmachen würden, hat sie gefragt. Ich lächelte nur und antwortete: " Die müssen!“ .

 

19.05.200

Heute war sie da! Mein kleines Mädchen ist zu mir gekommen, ganz beschwingt und federnd. Hat sich auf den Stuhl mir gegenüber gesetzt und ein Blatt Papier auf das Tischchen gelegt. "Das haben meine Freundin und ich für dich gemalt.“

Erwartungsvoll schaute sie mich an und wartete auf meinen Kommentar. Zu meiner Entschuldigung kann ich für mich sagen, dass man im Alter einfach nicht mehr so gut sieht. Ich brauchte eine ganze Weile, um zu erkennen, dass die einzelnen Striche und Kleckse das Wort "Danke" heißen sollten... Ich ließ mir, so hoffe ich doch, nichts anmerken und tat so, als würde ich dieses kleine farbenfrohe Kunstwerk eingehend studieren....Ich habe ihren stechenden Augen standgehalten und mit allergrößter Überzeugung erklärt, wie sehr mir dieses Bild gefalle. ...     (Beck)

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