11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

Thema 6

Wenn die Bauern Ritter spielen

Persiflagen des Rittertums am Beispiel von
Heinrich Wittenwiler, Der Ring

 
Beate Brockmann 
Grimmelshausen- Gymnasium Offenburg

 

[...] Der erste Teil behandelt die Werbung des Bauern­burschen Bertschi Triefnas um die missgestaltete Mätzli Rüerenzumph mittels Turnier und Minnesang, der zweite berichtet von der Belehrung Bertschis als Vorbereitung für seine Ehe, von seiner Verlobung mit Mätzli und von der Hochzeitsfeier. Im dritten Teil bricht noch während der Feier eine Schlägerei aus, die in einen Krieg zwischen zwei Dörfern mündet, an dem schließlich alle möglichen Verbündeten, darunter auch Sagen­gestalten, teilnehmen. Das Gedicht endet mit der Zer­störung Lappenhausens und dem Entschluss Bertschis, nach diesen schrecklichen Ereignissen im Schwarzwald Einsiedler zu werden. 

 [...]

Unter den handelnden Personen steht der Bauernbursche Bertschi Triefnas eindeutig im Vordergrund. Bertschi wird gleich zu Anfang mit Mätzli zusammen sehr anschaulich dargestellt. Sein „wirres Haar“ soll ein Zeichen der Beses­senheit sein, ein „Kennzeichen des Bösen“ (Anmer­kun­gen, S.562). Im Prolog wird er mit den anderen Figuren der Geschichte als ein Vertreter des „Törpellebens“ (V. 41) bezeichnet. Und er mag wirklich ein „Tölpel“ sein, wie die neuhochdeutsche Übersetzung sagt, jedoch erscheint mir (gerade im Zusammenhang mit Bertschi) die Verbin­dung mit Teufel als übertrieben. Schließlich ist ein Tölpel durchaus kein schlechter Mensch, Unfälle und Katastro­phen verursacht er gewöhn­lich ungewollt, meist aus Dummheit. [...]

Triefnas präsentiert sich gerne als „ansehnlicher, junger, stolzer Held“ (V. 60 ff), der sich „Junker“ nennen lässt. Bei den Frauen kommt er gut an, doch sein Herz hängt er ausgerechnet an die missgestaltete Mätzli Rüerenzumph, die einen seltsamen sinnlichen Reiz auf Männer auszu­üben scheint. Vor lauter Verliebtheit beginnt Bertschi, um Mätzli zu werben, doch zunächst einmal ohne sie über­haupt in Kenntnis davon zu setzen, dass es ihm um SIE zu tun ist.

[...]

Das Turnier [um die Gunst der Angebeteten] findet an einem Sonntag - für die meisten Interpreten der „Sonn­tag Exurge“, mit dem Fastnachtsveranstaltungen begin­nen - auf dem „Turnierplatz“ von Lappenhausen statt. Auch hier zeigt sich Wittenwilers Ironie. Ein Dorf wird kaum einen richtigen Turnierplatz besitzen. Der Leser denkt wohl eher an einen gewöhnlichen Dorfplatz.

 

 

[...] Bertschis Wappen, zwei Gabeln in einem Misthaufen, könnte darauf hinweisen, dass er sich gern viel (Mist) vornimmt, was er aber dann nie verwirklichen kann, denn von zwei Gabeln im Misthaufen kann man immer nur eine benutzen. Seine Gesellen scheinen alle aus Lappenhausen zu stammen, nur der letzte, Herr Neidhart, ist in dieser Gegend unbekannt. Im Gegensatz zu den anderen, deren unsinnige Titel und närrischen Schilde sie nur zu leicht als Bauern entlarven, führt Neidhart einen Fuchsschwanz, wird als Ritter vorgestellt und gleichzeitig als durchtrie­bener Bauernfeind. [...]

Weil niemand sich der Rotte als „Feind“ gegenüberstellen will, hat Bertschi die Idee, „enander an“ zu „raitin“ (V. 198). Als er im Laufe dieses Kampfes vom Pferd fällt, hilft ihm ein Knecht seines Vaters wieder auf (V. 227). (...) Nun sprühen seine Augen Feuer und er sabbert und zittert vor Wut (V.226). Er fängt sogar noch an zu stot­tern, worauf Herr Neidhart ihn nachäfft. Doch Bertschis Angriff auf Neidhart hat keinen Erfolg; er stürzt schwer und verflucht alle Liebe, die ja die Ursache des Turniers war. Der Gedanke an Mätzli bringt ihn schließlich dazu, einen neuen Ansturm auf Neidhart zu versuchen.

(...) Obwohl sein Freund Kunz ihn davor gewarnt hat, sich an seinem Pferd festbinden zu lassen, tut er es dennoch und wird – von einem Schlag Neidharts getroffen – ein gutes Stück am Boden geschleift. Bertschi ist nicht der Mann, der auf gute Ratschläge anderer hört. (...)

Trotz seines Aufwands ist Bertschi in seiner Werbung um Mätzli noch keinen Schritt weitergekommen; darum ver­sucht er sie nun auf sich aufmerksam zu machen, indem er nachts um ihr Haus schleicht, allerlei Possen treibt, um sein Liebesleid zu mildern – „den laim den raiss er von der maur und peiss dar in: es war nicht saur“ (V. 1288/89) – und ihr offensichtlich selbstgedichtete  Liebeslieder singt. Um ihr ein richtiges Minnelied bieten zu können, trommelt er mitten in der Nacht den Spiel­mann Gunterfai (in der neuhochdeutschen Über­setzung Tinnef) aus dem Bett. Wie heftig Bertschis Gefühle sind, beschreibt Wittenwiler mit den Versen:

 

Do martert in der minne gluot

so ser, daz im die nas pluot (V.1326/27).

[...]

 

Gestützt auf Lutz’ „Spiritualis Fornicatio,“ wird in den Anmerkungen des Herausgebers Horst Brunner die Mei­nung vertreten, Bertschi habe mit dem Läuten der Glocken „die Bauernprügelei zur Sache des Gemein­we­sens“ gemacht (S.579) und sei damit in seiner „schein­bar“ harmlosen Rolle als Tor wieder zum großen Unheils­stifter geworden. (...) Mir scheint jedoch, als habe Bertschi mit dem Läuten der Glocken auf die Unge­heuer­lichkeit, dass ein Mord geschehen ist, hin­weisen und die Bauern dadurch zur Ordnung rufen und zum Einhalten bringen wollen. Ihm kann nichts daran gelegen haben, einen Krieg zu entfesseln. Versteht man die Tat Bertschis so, dann ist er eben nur ein gutmütiger Tölpel. (...) Was er besitzt, ist Bauernschläue, keine teuflische Durch­trie­benheit, und sei sie auch unter „scheinbarer“ Harm­losig­keit versteckt. Gewiss ist Bertschi egoistisch, oft einfältig und manchmal ignorant, auf der anderen Seite ist er aber auch ein herzensguter Liebhaber, ein wissbegieriger Mensch, großzügig, wenn es darum geht, andere auf seine Seite zu ziehen, und klug im Umgang mit seines­gleichen – besonders auch dann, wenn es um seinen Vorteil geht. Auch Ratschläge hört er manchmal gerne an, auch wenn er sie nicht immer beherzigt. Bertschi ist im Vergleich zu Neidhart oder dem Dorf­schreiber Nabel­reiber dumm und naiv, aber teuflische oder irre Züge muss man darum nicht in ihm sehen.

 [...]

Wittenwiler hat sich durch die krasse Karikierung aller Bauern und Bürger eindeutig auf die Seite des Adels gestellt und wird deshalb kaum im Sinne gehabt haben, die ureigenen Tugenden des Adels zu kritisieren oder sie gar als überholt darzustellen. Man kann vielmehr anneh­men, dass Wittenwiler in seinem Werk die Bauern und die Bürger parodieren wollte, die zu seiner Zeit versuchten, in höhere Kreise aufzusteigen und die Adeligen nachzu­ahmen. Vor allem die historische Situation und Wittenwi­lers offensichtliche Verachtung der Bauern machen diese Möglichkeit plausibel. Mit dem „Ring“ ist Wittenwiler ein äußerst vielschichtiges und umfassendes Werk gelungen, doch hat er möglicherweise übersehen, dass die Bauern gar nicht so vertrottelt und verachtenswert darstellt sind, wie er es im Sinn gehabt haben könnte. (Brockmann)

 

 

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