11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

1.  

„Cappuccino wie immer?“

Besuche in Ihrem Lieblingscafé. - Halten Sie Ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.  

 
Erika Maier 
Hohenstaufen-Gymnasium Göppingen 

 

Samstag, 16. Januar

Das Café hat kleine, runde Tische. Sechs, um genau zu sein. Und eine Theke. Es ist noch sehr früh am Morgen, als ich es betrete. Ich wähle bewusst den Tisch in der Ecke. Wie immer. Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte und dass ich die Rückendeckung vernachlässigen sollte...Wie immer.

Alles andere ist aber nicht wie immer. Schon vom ersten Augenblick an fühle ich mich - wohl. Gut. Glänzend. Ein Gefühl der Sicherheit, des Geborgen-Seins. Ich fühle mich gut.

Im Moment scheint es mir das Einzige zu sein, das mir in dieser grausam hässlichen Stadt noch gefallen könnte. Mutter ruft in letzter Zeit immer wieder an, nur um mich davon abzuhalten mich wieder verletzen zu lassen, wie es nun schon des öfteren vorgekommen sein soll. Doch ich kann nicht anders, als mich ihrem gut gemeinten Schutz zu widersetzen, als meinen eigenen Weg aus dem Leben, das ich mir selbst geschaffen habe, eigenständig zu finden. Einen Weg, auf dessen Suche ich nun schon lange bin.

Außerdem ist es doch nur ein kleines Café. Nicht groß und bedrohlich wie so viele andere Dinge. Ein Mann bedient hier. Er ist nicht mehr der jüngste, doch das Lächeln auf seinem Gesicht empfinde ich als überraschend angenehm. Ich erkenne keine Falschheit an ihm, die mir sonst so oft ins Gesicht springt und mich zu ersticken droht. Was es sein dürfe. Capuccino. Ich verbinde Erinnerungen mit diesem Getränk, obwohl es mir noch nie sonderlich gut geschmeckt hat. Ich weiß noch den Tag, an dem es mir schlecht geworden war, da ich mich ausschließlich von Capuccino ernährt hatte. Ich weiß noch, wie wir zu viert, vielleicht auch zu fünft von der Schule direkt ins nächste Café gerannt sind, nur um unseren Capuccino trinken zu können...

Mein Kopf ist leer, als hätte ich das letzte Mal vor vielen Jahren gedacht und hätte seitdem alles Wissen und alle Gedanken aus meinem Kopf verbannt. Es kommt mir vor wie ein Traum, aus dem ich niemals wieder aufwachen kann. Der Raum scheint enger zu werden, zu pulsieren. Ich stehe vor der Tür und atme tief durch.

 

Klaustrophobie [zu lat. claustrum >Schloss< >Gewahrsam< und griech. phobós >Furcht<] die,-/...´bi/en, Claustrophóbie (neurot.) Furcht vor dem Aufenthalt in geschlossenen Räumen.

 

Montag, 17. Januar

Sie bestellen Cola. Etwa 17 Jahre alt sind sie, und sie lachen und albern, beugen sich kichernd über irgend­welche Zeitungen und freuen sich wohl, etwas schrecklich Wichtiges darin entdeckt zu haben. Ich beneide sie um ihre Unbeschwertheit Um die Leichtigkeit, mit der sie es vermögen, ihr Leben zu meistern, bis ihnen das Schicksal grausam den Weg versperren wird. Und es wird ihnen den Weg versperren, wie es auch mir den Weg versperrt hat. ...

 

Die eine hebt den Kopf , um auf ihre Armbanduhr zu sehen. Ich tue es ihr nach. Mittag. ... Die andere erinnert mich an eine frühere Nachbarin...Etwas dicklich, blond, mit Pferdeschwanz. Ihre rot lackierten Fingernägel heben sich auf sehr unangenehme Weise von ihrem restlichen Äußeren ab. Sie ist angezogen wie eine Bauersfrau früherer Zeiten, schmuddelig, ungepflegt...

 

Das Erscheinen ihres Herrn verwunderte sie etwas. Doch ein Zweifel war nicht möglich. Das Schlachtross, das sich gerade seinen Weg durch die Weizenfelder schlug, war unverkennbar das seine. Während sie noch dort stand und sich Gründe durch den Kopf gehen ließ, warum ihr Herr dort auftauchte, kam ihr mit einem Mal auch ihre kleine Tochter in den Sinn, die oben in den nahen Wäldern hatte spielen wollen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Kind, von einem Schlachtross zu Tode getreten worden wäre, und so raffte sie, so schnell sie konnte, ihre Röcke zusammen und rannte laut rufend auf den Wald zu. Dabei musste sie feststellen, dass sie sich stets selbst behinderte, vor allem durch ihre Kleidung...

 

 

Montag, 21. Februar

Es zieht mich hin, als ob ich eine alte Rechnung in diesem Raum zu begleichen hätte, von der ich selbst nichts weiß. Ich kann nichts tun... (Maier)

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