11. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2001

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Blütenlese aus den Arbeiten

der Preisträger 2001

1.  

„Cappuccino wie immer?“

Besuche in Ihrem Lieblingscafé. - Halten Sie Ihre Beobachtungen in einem Tagebuch fest.  

 
Stefanie Scholz 
Gymnasium Reutlingen 

 

Freitagabend, 12. Dezember, 17.14 Uhr.

 

Ich sitze im „Café / Bistro / Bar - Fontaines bleues“, und gerade hat mir die freundliche Bedienung meinen Cappuccino gebracht. Wow - ist der heiß! Schmeckt aber gut. Die Schaumkrone auf der Mischung aus Kaffee und Kakao zittert, während ich schreibe. Das Schokopulver sickert in den Schaum ein - ich muss mal kurz richtig probieren - Mmh - der Schaum allein ist schon ein Hochgenuss! Es geht nichts über einen Cappuccino am Freitagabend im Fontaines bleues.

Wann immer man hereinkommt - hier ist immer etwas los. Das Fontaines bleues ist sozusagen der zentrale Treffpunkt der ganzen Stadt. ...

 

Um mich herum Stimmengewirr, ich schnappe immer wieder einzelne Satzfetzen auf, mit denen ich nichts anfangen kann:

„Also ich geh’ dann jetzt, ne!“

„Das war ein Skandal, als sie ...“

„Bedienung bitte!“

„Schau dir mal an, was du gerade gemacht hast!“ ...

Ich sitze direkt am Fenster des Cafés, von wo aus ich auf die Fußgängerzone schauen kann. Marktplatz heißt diese Straße. Ich sehe ein Kleidergeschäft auf der anderen Seite, außerdem einen Irish Pub direkt daneben ... Da muss ich auch unbedingt irgendwann mal ‘rein!, nehme ich mir vor. Ich stelle mir einen Pub so richtig fröhlich vor, mit irischer Musik und grölenden Limerickreißern an der Bar...

Mein Cappuccino wird kalt, ich trinke mal ein bisschen und schaue mir die Atmosphäre um mich herum etwas genauer an ...

 

Ich muss den Cappuccino ein wenig nachsüßen, so langsam verliert der Schaum seinen Geschmack - Links neben mir sitzen eine jüngere Frau - ich schätze sie auf Mitte zwanzig - und ein älterer Herr, der wohl ihr Vater ist. Gerade bringt die Bedienung dem Tisch hinter mir etwas zu essen - und die Frau links von mir verzieht das Gesicht, gerade als ob sie das selbst gern gegessen hätte. Aber sie bestellt nichts, schaut nur ihren Vater abwartend an ...

Im Moment kommt so was wie Rock’n’Roll aus den Siebzigern. Ich kenne das Lied und ich mag es - dabei stelle ich mir immer vor, wie meine Eltern vor ungefähr zwanzig Jahren in der Disko geschwoft haben. -

Ein Ehepaar Mitte vierzig kommt herein und sucht nach einem Sitzplatz - und wie durch ein Wunder verlassen gerade die beiden Frauen vor mir ihren Tisch und machen den Beiden Platz. Die kurzhaarige Frau im roten Rollkragenpullover setzt sich mit dem Rücken zu mir. Sie und ihr Mann studieren die Speisekarte. -

Hinter mir ist es ziemlich still geworden, seit das Essen gekommen ist. Gerade habe ich mich umgedreht, um nachzuschauen, wer genau da gerade sitzt - eine junge Familie mit einem Kind ( Junge oder Mädchen, für diesen kurzen Augenblick undefinierbar! ) -, und die blonde Mutter hat mich ganz argwöhnisch angesehen, als ob sie gewusst hätte, dass ich sie gleich zu Papier bringen würde. ...

Draußen laufen junge Leute vorbei, und die Jungs winken mir zu. Ich kenne sie nicht, trotzdem finde ich, es ist eine nette Geste. Noch ein Junge von etwa vierzehn Jahren läuft rechts direkt neben mir an dem großen Fenster vorbei und wirft neugierig einen Blick ins Innere des Cafés. Was sieht er wohl?, frage ich mich. Sieht er die gleichen Leute wie ich - oder mehr? Sieht er überhaupt etwas oder starrt er nur zum Zeitvertreib herein - gedankenverloren?...

An der Bar sitzen viele junge Leute. Momentan betrachte ich die drei Jungs, die ihre Gesichter mir zugewandt haben. (Der Herr neben mir putzt sich so geräuschvoll die Nase, dass ich einen Moment überlegen muss, ob er nicht vielleicht grunzend lacht. ) Der eine trägt einen grünen Pullover und starrt auf einen, der links neben ihm steht und eine dicke weiße Winterjacke trägt. (Draußen gehen drei junge Mädchen an mir vorbei.) Oh - jetzt sitzen sie nur noch zu zweit da! Der Grünpullovrige und einer mit Fastglatze und schwarzem Pullover. Die beiden diskutieren angeregt. ...

 

Draußen auf der Terrasse erklärt eine Frau einem Geschäftsmann (jedenfalls seiner Kleidung nach zu urteilen) irgendeinen Weg irgendwohin (ich sehe es an ihrer Hand, die in eine bestimmte Richtung zeigt, und der junge Mann versucht angestrengt, ihr zu folgen ) ...

 

Oh nein, Techno – Schon komisch. Ich sehe alle diese Menschen, sehe, was sie tun, wie sie sich benehmen - ohhh, jetzt läuft I want it that way von den Backstreet Boys, ich liebe dieses Lied! - aber ich habe keine Ahnung, weshalb sie eigentlich hier sind - es klirrt wieder hinter der Bar -, wie sie leben, was sie fühlen, was sie tun, wenn sie nicht im Café sitzen und mit ihren Freunden plaudern. Ich beobachte oft die Menschen um mich herum - warum wird die Musik jetzt unterbrochen?! - und frage mich so manches Mal: „Was geht wohl hinter dieser oder jener Stirn vor?“ Ich kann nur das beurteilen, was ich sehe, und das ist nicht viel - selbst wenn du jemanden eine ganze Busfahrt lang unablässig beobachtest, so kannst du doch nicht bestimmen, was für ein Typ Mensch er ist. ...- Mann, dieses Handygeklingel macht mich wahnsinnig! ( Ich glaube, jetzt läuft Maria Maria von Santana - oder ist es Xavier Naidoo?? ).... zumal es vielen unangenehm ist, wenn sie ständig angeschaut werden....

 

Ein bebrillter Mann, so Ende dreißig, komplett mit Smoking, hat den Freundinnentisch rechts schräg neben mir besetzt. Gerade hat er noch gedankenverloren in seinem Cappuccino gerührt - und nun sitzt er da, in seinem Stuhl zurückgelehnt, die Nase fest von einem Taschentuch umschlossen und bewegt sich keinen Millimeter mehr. Was macht er da bloß?? Da - er löst sich aus seiner Erstarrung, rückt seinen Stuhl zurecht - und verfällt dann wieder in seine Trance - starrt abwesend auf den Tisch vor sich. Dann nimmt er endlich die Speisekarte und liest sie aufmerksam...

Na so was: Der Speisekartentyp beobachtet mich! Jetzt wird’s interessant, mal seh’n, wie’s weitergeht ... Tatsächlich, er schaut immer noch her! ...Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich irgendwo gelesen, dass der erste Augenblick entscheidet, ob zwei Menschen sich riechen können oder nicht ...

Wow, mein Lieblingslied von Savage Garden: Truly madly deeply! ...

Wartet er vielleicht auf jemanden, der nicht kommt?

Ich starre im Restaurant herum - der pinke Frosch neben mir hat sich gerade verabschiedet -und kritzle pausenlos irgendetwas auf meinen Block.

Vielleicht schaut er mich deswegen die ganze Zeit an.

Vielleicht überlegt er im Stillen, was ich wohl schreibe, während ich mir den Kopf darüber zerbreche, was er wohl gerade denkt und was er hier tut. Aber statt aufeinander zuzugehen und einfach zu fragen, beobachten wir uns lieber heimlich aus der Ferne ...

- Oh! Jetzt geht er! – (Scholz)

 

 

    Hermann Kesten schreibt im Tearoom Babington

 

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