12. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2002

 

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Japanische Lyrik - Schreibseminar

Leitung: Prof. Dr Siegfried Körsgen, Kuratorium

Tanka deutsch -

Schreibseminar Japanische Lyrik

»Japanische Lyrik« nennt sich die Schreibwerkstatt, die alljährlich beim Seminar der Preisträger aufgemacht wird. Natürlich werden deutsche Verse geschrieben, aber deren Formbestimmungen entstammen – so weit eine Übertragung aus derart verschiedenen Sprachen möglich ist – der alten und bis heute geübten Tankadichtung Japans. Die Gestalt des Gedichts (sama) und die Fügung der Worte (kotoba) wird mustergültigen Tankas entnommen, so z. B. den unvergleichlichen Versen Kaiser Hirohitos, die zu Neujahr 1946 über den Rundfunk ausgestrahlt wurden.

I

n der Winternacht

steht der alte Föhrenbaum

unerschüttert da,

ob auch lastend-schwerer Schnee

seine Äste niederzwingt.

Das Naturbild verbirgt und zeigt zugleich die Lage Japans zu diesem Moment seiner Geschichte. Der Anklang und Ausdruck des nicht Ausgesagten (yojō) sind typisch für ein Tanka. Die Spannweite reicht vom Öffentlichen, dem Leben und Schicksal der Nation, wie in den Versen des Kaisers, bis zum privaten Erlebnis einer Begebenheit von Augenblicksdauer. »Das, was das Herz empfindet (kokoro), durch Dinge auszudrücken, die man sieht und hört, ist Poesie.«

Nahezu alles, was uns angeht, kann zum Ausdruck kommen. Die Vielfalt der Töne reicht von der ernsten Würde (take) bis zum anmutigen Ausdruck sinnlicher Schönheit (en), von der Wehmut (sabi) und dem langen Blick aufs Vergängliche (mujōkan) bis zum Scherz. Das aufrichtige Gefühl, sagt die japanische Poetik, sei die Grundlage beim Schreiben von Tankas. Man müsse sich einlassen, müsse leer werden für das, was sich zeigt und es auffassen und zur Deutlichkeit bringen. »Beim Dichten, da gilt die eine Lehre, das Herz ganz klar zu machen.« Wie aber tritt das, was sich dem klaren Herzen zeigt, in die Erscheinung? »Was das Herz im Innersten bewegt, nur Worte kann es in Erscheinung treten lassen.« Die Untersuchung der Gedichtgestalt (sama) und die Fügung der Worte (kotoba) führt folglich nicht ins Formelle, bloß Schematische, sondern geradezu ins Empfinden und Erleben (kokoro) und zur Wahrheit (makoto) jener Bewegung, die als Tanka in die Erscheinung tritt.

An den Musterbeispielen, z. B. dem Gedicht des Kaisers, lassen sich die Formmomente ablesen. Ein Tanka besteht aus fünf Zeilen. Die Zeilen wechseln zwischen fünf und sieben Silben in der Abfolge 5|7|5|7|7. Von großer Bedeutung sind zwei Arten von Zäsuren, die das Gedicht gliedern und die Vorstellungen zu einem Bild ordnen. Der Kaiser hat die Zäsur nach der dritten Zeile gewählt (sankugire). Damit fasst er die ersten drei Zeilen zu einer Einleitung (jo) zusammen, die das Hauptwort (kakekotoba) in der vierten Zeile vorbereitet und seine Bedeutung im Voraus modifiziert: lastend-schwerer Schnee. Die Lage des Landes wird aufrichtig gezeigt (makoto). Der Schnee des Jahres 1945 zwingt die Äste bis zum Boden, bis zum Brechen, aber die Föhre, die von altersher die Würde und den Widerstand gegen das widrigste Schicksal verkörpert, steht unter dieser Last unerschüttert da. (Den Teilnehmern am Seminar 1998 in Obermarchtal wird es unvergessen sein, wie Elisabeth Borchers über diesem Hauptwort sinniert hat. Die strenge Ökonomie des Tanka hat ihr, der zeitgenössischen Dichterin, imponiert.) Dasselbe Wort darf nicht zweimal erscheinen, Synonyme sind zu vermeiden (es sei denn, sie entwickelten die Vorstellung), selbst die Wiederholung eines Klangs am Versende oder in der Zeilenmitte (End- und Binnenreim) ist schon zu viel. Und hier die scheinbare Redundanz im Vers »ob auch lastend-schwerer Schnee«, der doch klanglich, rhythmisch und semantisch so sehr überzeugt.) Die zweite Art, ein Tanka zu gliedern, setzt die Zäsur und die Atempause nach der ersten Zeile (ikkugire). Wird diese noch von einem einzigen, fünfsilbigen Wort eingenommen, so staut sich der Gedichtanfang, und aus dem Kissenwort (makurokotoba) und der Staupause gehen die folgenden Verse hervor. Zwei Beispiele aus der Schreibwerkstatt:

Jasminblütenweiß;

düster dunkle Lasten schiebt

betörend so nah

der Wind die Wolken, den Duft

wie Gewitterberge mir zu

Das Kissenwort löst sich in einen Strudel von Empfindungen, der das Gedicht syntaktisch an den Rand bringt.  Oder der für einen so kleinen Text mächtige Anfang setzt ein Bild wie ein Thema, das die folgenden Verse ausführen.

Den Gaffern von Schöntal

T

ouristenmenge.

Jeder muss der erste sein,

der das Gold erblickt.

„Mein Gott wie schön“, sagen sie,

vor ihnen Christus – sterbend.

Anlässe zum Schreiben bieten die natürliche Umgebung und die Baulichkeiten der Tagungsorte, ebenso wie Begebenheiten während des Seminars. »Was das Herz empfindet, durch Dinge auszudrücken, die man sieht und hört«, darauf kommt es an. Die Tankaform zwingt zur Bestimmtheit und zur Konzentration auf das vielsagende Detail.

Das Japanische hat viel weniger Konsonanten als das Deutsche, die Wörter enden auf Vokal, die Silben sind offen und nahezu gleichwertig. Daher bedeutet die Erfüllung des Silbenschemas etwas anderes als im Deutschen mit seinem Wechsel von betonten und unbetonten Silben. In diesem notwendigen Unterschied liegt eine Chance. Die Zahl und das Gewicht der Betonungen pro Vers sind nicht festgelegt. Ein fester metrischer Trott von Jamben oder Trochäen verbietet sich. Über die Erfüllung des Silbenschemas und die Zäsurregel hinaus kann jedes Tanka sein eigenes rhythmisches Muster ausbilden. Bei der Kürze der Verszeile wird man allzu starke Enjambements vermeiden. Die Zeile, wie syntaktisch unabgeschlossen auch, muss ihr Ende hörbar machen. Hieraus resultiert eine Verlangsamung des Sprechtempos und ganz zwanglos eine Aufladung der Worte, der wenigen, die ein Vers zulässt.

Begegnungen sind

zufällig  schön  ungewollt ...                   

(Die unbedeutende Kopula ’sind’ wird wie mit Doppelpunkt gelesen.)

 

Gleichgültig scheinbar

in unendlicher Ruhe

rauscht’s ständig dahin ...

Nicht nur in ihren verschiedenen Inhalten, sondern ebenso sehr in ihrer eigenen rhythmischen Bewegung, in ihrem Wort- und Tonfall, sind Tankas individuelle Gebilde.

Dass ein Tanka kein x-beliebiger in 5|7|5 ... Silben abgeteilter Satz sein kann, versteht sich von selbst; aber auch zu viel metrische Ordnung verträgt es nicht. Zu schnell mutiert es in ein klassizistisches ’Epigramm’:

 

Bischofslinde in Obermarchtal

Hitze und Kälte,

Stürme, Schnee und die Menschen

prüfen sie täglich.

Und doch trotzt sie, die Linde, ...

In diesen nicht reizlosen Zeilen überpocht das Metrum (Adonius & 2. Pherekrateus) das leichtere Spiel des Tankarhythmus. Wie sich in der Werkstatt herausgestellt hat, bildet der Übergang von der vierten zur letzten Zeile eine empfindliche Stelle. Leicht dringt dort ein überlautes Metrum ein, organisiert die letzten sieben Silben zu einem Stück Pentameter und läßt das Tanka wie ein Distichon enden: – || – -- – -- –

Das Beispiel zitiert dieses zu gewichtige Pentameterende und münzt es spöttisch für seine Zwecke um:

A

tmendes Wirbeln!

Hickselnde Bläschen steigen

blibbernd hoch zum Licht;

über den Rand des Trogs fort

drängt sie der gurmelnde Bach.

Gerät diese Vorbemerkung zu einer kleinen Auswahl deutscher Tankas nicht zu sehr ins Detail? Gewiss. Aber um solche Details geht es zumeist in der Werkstatt, die elementaren Anforderungen sind bald gelernt. Es geht um den Rhythmus und damit um die Zeilenfüllung, die Organisation der Wort- und Tonfolge, den Übergang von Zeile zu Zeile, um die Gliederung und Atempause und um die Syntax: um die Ordnung der Worte und Klänge und der Vorstellungen, die sie zur Erscheinung bringen. »Was das Herz im Innersten bewegt, nur Worte kann es in Erscheinung treten lassen.«

Friedrich Uehlein


LINKS zu Haiku und Tanka

-> http://www.dir4u.de/japan/1000035.html

-> http://mypage.bluewin.ch/firststeps/tanka/

tankaallg.html 

-> http://www.ingrids-haiku.de/

-> http://www.dithmarschen.net/lyrik/Kurzlyrik.htm

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