12. Landeswettbewerb Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg 2002

 

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Der Lyriker Wulf Kirsten

Die Titel der Lyrikveröffentlichungen des 1934 in Klipphausen / Kr. Meißen geborenen Wulf Kirsten lesen sich wie seine ganz persönliche Poetik: Da ist die Rede von der Ziegelbrennersprache (1975), vom Landgänger (1976), vom Bleibaum (1977), von der Erde bei Meißen (1986), von der Veilchenzeit (1989) , vom Haus im Acker (1989), vom Stimmenschotter (1993) oder vom Wettersturz (1999). Und es ist auch eine ganz eigene Figurenwelt, die diese Lyrik bevölkert: Brauburschen, Flößer, Schnapsbrüder, derbe Gevattersleute, die Butterfrau mit Buckelkorb, Tischlergesellen, Flickjoppenleute, Kalkbrenner, Ochsentreiber, Treidler oder Flickschuster sind eigentlich nicht die Menschen, die man in zeitgenössischer Lyrik erwartet, sondern eher das Personal für eine rückwärtsgewandte, die gute alte Zeit beschwörende Lyrik. Aber genau das ist diese der „bäurischen landschaft werktag“ thematisierende Naturlyrik nicht, dazu fehlen ihr das Andachtsmoment und der falsche Zungenschlag. Kirsten selbst sagt von seinen Gedichten ganz bewusst: „Meine Texte haben nichts Bukolisches.“ Das Dorf ist in ihnen nicht der idyllische Ort:

Die zersiedelte siedlung,

wie sie verwegen abhängt,

zerfleddert und zerpflückt

zwischen wilden müllkippen,

die sich verzetteln

von unort zu unort.

das lied der beerenpflückerinnen

ein erinnerungsfetzen

im schrumpfwald.

Kahlschlaggesellschaften

in aufsteigender linie.

(...)

 

(1974)

In diesen Gedichten wird zwar an Vergangenes erinnert und dieses Erinnern ist oft mit Trauer über den Verlust verbunden, es ist aber nie eine unkritische Verklärung des Vergangenen.

Diese Gedichte, in denen man riecht und schmeckt, in denen man das Gefühl haben kann, mit derbem Schuhwerk durch schwere, nasse, lehmige Ackererde zu gegen, sind durch die Kraft ihrer Sprache und besonders durch ihre Genauigkeit vor einem falschen Pathos geschützt. Kirsten stammt aus einer Handwerkerfamilie, sein Vater war Steinmetz, sein Großvater Tischler! Beides Berufe, in denen Millimetergenauigkeit gefragt ist und diese Genauigkeitsmesslatte legt Kirsten auch an seinen Umgang mit dem Wort, mit der Sprache an. Es ist eine fremde, eine alte und doch merkwürdig vertraute Sprache, in der der Wortschatz eines Lebens auf dem Lande dominiert. Viele Begriffe sind uns unbekannt bzw. nicht mehr geläufig, aber wir haben beim Lesen nie das Gefühl, uns in einer toten Kunstsprache zu bewegen, sondern eher das Gefühl, dass hier einer „abgetauchte begriffe“ – so eine Kapitelüberschrift im Gedichtband Wettersturz – einer ihm vertrauten Landschaft und Lebensweise vor dem Vergessen bewahren will.  Dazu passt es auch, wenn Kirsten bei der Entgegennahme des Huchel-Preises (1987) die Landschaft seiner Herkunft, die Erde bei Meißen, das Miltitzer Ländchen, die Elblandschaft zwischen Dresden und Meißen als sein geistiges Eigentum bezeichnet, von dem er in Form einer regelrechten Landnahme Besitz ergriffen habe.

Begonnen hat dieses sehr genaue Hören auf die Natur schon in Kirstens frühester Jugend und seinem Schreiben liegt viel selbst gelebte Erfahrung mit dem Leben in seiner Landschaft zugrunde: „Jeder dieser Blickpunkte war ein Stück meiner Welt. Ausgeforscht bis in den hintersten Brennesselwinkel. Ausgekostet jeder fruchttragende Baum oder Strauch. Pferdeställe, Heuböden, Wagenremisen, Schirrkammern durchstöbert. Jedes Schlupfloch durch lebende Hecken und Staketenzäune gefunden. Jedem Fußpfad nachgegangen, die glitschigen Mühlwehre gequert, Koppeln, Lehmgruben, Steinbrüche samt Pulverkammern erkundet. In jedem Tümpel und Tonloch gegründelt, nahezu durch jedes Schleusenloch gekrochen.“  Das meint auch Martin Walser, wenn er 1988 über Kirstens  Sprache schreibt: „Der lebt von Gegenständen, nächster Nähe. Der lebt wie barfuß. Der erlebt mit Händen und Füßen. Der weiß nichts, was er nicht erfahren hat. Das hat zur Folge: Die Sprache urteilt nicht. Sie schleppt Sachen heran. Gegen das Vergessen.“

Darüber hinaus dokumentiert diese Lyrik auch die zeitgeschichtliche Entwicklung ihrer Landschaft als Teil der ehemaligen DDR: Die Erinnerung an die archaisch-feudale Dorfwelt ist ebenso präsent wie das Wissen um deren Zerstörung und die Phase der Kollektivierung der Landwirtschaft mit ihren verheerenden Umweltfolgen ist bereits 1965 ein Thema:

feldzug

 

über die bewimpelten

kartoffelkarrees

brummt

das geflügelte acker-monstrum,

stäubt einen gifthauch

über das zähe colorado-geziefer,

die linierten bestände in lila und weiß

hektarweise retuschiert. (...)

Erst 1987, mit 53 Jahren, machte Kirsten den Schritt zum freien Schriftsteller. Davor lagen kaufmännische Lehrjahre in einer Meißener Backstube, Hilfsarbeiter­tätigkeiten auf dem Bau und Buchhalterjahre. Von 1957 – 1960 besuchte Kirsten die Arbeiter- und -Bauernfakultät in Leipzig und studierte dort nach dem Abitur von 1960 –1964 Deutsch und Russisch für das Lehramt. Die Zeit als Lehrer dauerte nur 1 Jahr, danach, von 1965 – 1987, war Kirsten Lektor im Aufbau-Verlag in Weimar.

Ulrich Meyer  


LINK

-> http://www.br-online.de/kultur/literatur/lesezeichen/20010324/20010324_1.html 

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